VERNEBELUNGSSTRATEGIEN

Feuilletonbeitrag von Anke Humpeneder am 21.10.2007 in der Landshuter Zeitung


Die Trennung von Wissenschaft und mythischem Denken erfolgte im 17. und 18. Jahrhundert, zur Zeit Bacons, Descartes' und Newtons, als sich die Wissenschaft gegen die alten mythisch und mystisch denkenden Generationen durchsetzen musste. Gegen die alte Welt der Sinne, die wir sehen, riechen, tasten und wahrnehmen, die unter Umständen trügerische Welt. War eine starre Trennung zwischen Mythos und Wissenschaft damals wichtig, damit sich das wissenschaftliche Denken überhaupt erst konstituieren konnte, so hat die Wissenschaft heute längst begonnen, diese verlorengegangenen Stoffe Wieder in den Bereich der wissenschaftlichen Erklärung hineinzunehmen.

Tom Kristen ist ein Künstler, der sich in Zeichnung und Malerei mit den Dingen beschäftigt, die innerhalb unserer Köpfe vorgehen, mit "Bildern, die dem Unbewussten und dem Mythos entspringen. In den Arbeiten seiner Reihe "Wilde Zeiten", die er derzeit in der Hauptverwaltung des Bezirks Niederbayern vorstellt, vermittelt eine kleine Reihe farbiger Zeichnungen angezapfter Köpfe mit dem Titel "Die Gedankep sind frei" diesen Ansatz: Helmartige Kopfbedeckungen, aus denen Kabel oder Schläuche nach draußen führen, problematisieren die Kluft zwischen der äußerlich sichtbaren Realität und den Kopfinnenwelten, um die es Kristen zu gehen scheint.

Darum herum entspinnt der in Straubing geborene und in München lebende Künstler ein Panoptikum skurriler Szenerien aus Interieurs ,und Stillleben, die sich zwischen"surreal" und "Kinderzeichnung" einer genauen Apostrophierung entziehen. Mischwesen aus Elch· und Mensch, Kuscheltiere, Möbelstücke und Stoffe mit ornamentalen Mustern geben sich ein buntes·Stelldichein in Szenerien, die sich nicht verorten lassen - schwebend im Bereich der Phantasie und der Tagträume. Dort vernetzen sie sich zu fremdartigen Bilderbögen, die direkt auf eine Erkenntnis des Ethnologen Claude Levi-Strauss zuzugreifen scheinen: "Wenn wir zu der Einsicht gelangen, dass das, was in unserem Denken vorgeht, etwas ist, das. sich nicht substantiell oder fundamental vom Grundphänomen des Lebens unterscheidet, und wenn wir außerdem zu der Erkenntnis kommen, dass. zwischen der Menschheit einerseits und all den anderen Lebewesen andererseits - nicht nur den Tieren, sondern auch den Pflanzen - keine unüberbrückbare Kluft besteht, dann werden wir vielleicht zu mehr, sagen wir, Weisheit gelangen, als wir uns zutrauen.“

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Traumbilder, Tagträume

Eröffnungsrede von Ines Kohl im Bezirk Niederbayern, vom 27.09.2007

Ein kleiner Elchmensch sitzt in der Wiese und träumt. Das Märchentier auf einem Bild von Tom Kristen lädt den Betrachter ein, sich wenigstens ein paar Minuten dem Tagtraum hinzugeben. Und so zeigen sich eigentlich alle Bilder von Tom Kristen, als Mittler zwischen Realität und Traum, zwischen Bild und Vision, zwischen Ornament und realem Abbild.

Blätter wie "Fischköpfe" oder "Geweihhaufen" sind wie Vexierbilder; je nachdem, wie man sie betrachtet, sieht man Geweihhaufen oder Köpfe, Fischköpfe oder ein wildes Gewusel, Abbild oder Ornament, wenn sich die Bilder ineinander verflechten und im Rapport fortsetzen.
Dies ist ein Typ von Bildern, die Tom Kristen malt. Das andere sind assoziative Slitzeinfälle und Sequenzen, die ihre Wurzeln wohl im Unterbewußten haben, Gedankensprünge und "philosophische Cartoons", wie man sie vielleicht nennen könnte.

Mit diesen geheimnisvollen, manchmal poetischen, zarten, filigranen, manchmal heftigen, kraftvollen, starken Zeichnungen, die in Emotionen und inneren Bildern gründen, übersetzt Tom Kristen Befindlichkeiten in Figur, beschreibt pointiert und gleichnishaft elementare menschliche Zustände und Lebenslagen. Oft benutzt er eine gewisse "Verkindlichung" der Strichführung und der Formen, die das Motiv eindringlicher, auch subjektiver macht.

Es geht um Fläche, Raum, Figur, die er meisterhaft zu komponieren weiß, um zugleich Symbolhaftes zu formulieren, Gedanken in scheinbar leicht verständliche Formen einzubinden, die dann aber wiederum genau hinterfragt werden wollen. Die Grenzen zwischen Realität und Abstraktion sind aufgehoben, nicht nur formal erlaubt sich der Künstler alle Freiheiten, auch inhaltlich dürfen Gedanken frei flottieren, sowohl die des Künstlers wie natürlich auch die des Betrachters. "Sinn entsteht durch den Verweis auf Unsinn", sagt Tom Kristen selbst über seine Bilder. Das erinnert an die Sentenz von der Weisheit des Einfältigen.

In einem Text zu Tom Kristens Zeichnungen ist von "Piktogrammen" die Rede. Ich habe den Begriff im Zusammenhang mit den Zeichnungen von Tom Kristen selbst auch schon verwendet, finde ihn mittlerweile aber nicht mehr wirklich zutreffend; es würde bedeuten, dass die Zeichnungen allgemein und einheitlich verständlich wären, was sie aber nun wohl nicht sind. Denn die Form, die der eine sehen mag, deckt sich sicher nicht mit dem Inhalt, den ein anderer hinein interpretiert. Die Bedeutungen, die den Bildern unterstellt werden, dürften jeweils verschiedene sein, je nachdem, auf welche Voraussetzungen sie treffen, d.h., der Gefühls- und Erfahrungsschatz eines jeden Menschen ist ein jeweils anderer und entsprechend wird jeder die Bilder von Tom Kristen anders lesen, abgesehen von ihrer primären visuellen Information. Was dem Betrachter entgegenkommt und den Einstieg in die Bildwelt Tom Kristens einfach macht, sind die eingängigen, teils absurden Bilder und Szenarien. Damit sitzt er bereits in der Falle, die ihm der Künstler stellt und muss dann wohl oder übel den zweiten Schritt tun: nachdenken über sich und die Welt. Ansonsten werden ihn die Bilder nicht in Ruhe lassen. Sie werden, analog zu Ohrwürmern, visuelle Gedächtniswürmer.

Tom Kristen steht mit seiner subversiven und eindringlichen Art zu zeichnen in einer Tradition, die mit Künstlern wie Andreas Bindl, Andreas Grunert, Peter Zeiler, Walter Raum, Richard Vogl, Erwin Eisch, auch Alfred Kubin oder Joseph Beuys unendlich viele Facetten hat. Sie alle schweben zwischen den Welten, zwischen den Bedeutungen und zwischen den verschiedenen Bewusstseinsebenenund vermitteln ihre Botschaften über feinste Antennen. Tiere und Natur, hier vor allem Elch, Fisch und Hase schließen, wie auch bei Beuys oder Franz Marc, bestimmte Aspekte jenseits von Logik und Ratio ein, sie verkörpern Kräfte, die der vernünftige Mensch längst vergessen hat. "Lungenengel" oder "Geweihmensch", das sind Bezeichnungen, die zwischen Mensch und Tier eine geheimnisvolle Wesensbeziehung jenseits von Vernunft herstellen. Wie man weiß, ist es nicht unbedingt immer sinnvoll, "vernünftig" zu sein. Dem Zeichner Kristen drängen sich zeichnend unvernünftige Gedanken auf, die notwendig sind, um das Leben erträglich zu machen.

Joseph Beuys äußerte sich über seinen Impetus zum Zeichnen einmal folgendermaßen: .. "Ich setze mich erst hin, wenn eine Notwendigkeit besteht, wenn sich irgendeiner meldet. Wenn sich keiner meldet, dann zeichne ich nicht. Also wenn sich irgendwo ein Gegenstand ( hier: Gedanke) äußert, der sich darstellen will, wenn er sagt: "Ich will jetzt, ich muss dargestellt werden, weil das nötig ist, dass ich dargestellt werde, dann zeichne ich erst. Aus diesem Grunde bin ich ja auch kein Künstler. Ich produziere auch nicht, wie viele andere produzieren". So ähnlich kommt mir das auch bei Tom Kristen vor. Wenn sich ein Gedanke äußert, der jetzt unbedingt dargestellt werden muss, dann setzt er sich hin und zeichnet. Meist ganz unvernünftige Dinge.

Für den aus Straubing gebürtigen Zeichner, der seit 1994 als freischaffender Architekt und Künstler bei München tätig ist und die Lithografiewerkstatt im Künstlerhaus am Lenbachplatz in München leitet, ist es eben einfach wichtig, auch ganz unvernünftige Dinge zu zeichnen.